Menschen

Industrie 4.0 –
Große Chance für
die Arbeit Essay

Die Digitalisierung prägt zunehmend die Arbeitswelt: Zukunftsforscher des Massachusetts Institute of Technology analysieren die atemberaubende Entwicklungsgeschwindigkeit der Computertechnik und rufen das zweite Maschinen-Zeitalter aus („The Second Machine Age“). Unter dem Stichwort Industrie 4.0 diskutieren Maschinenbauer und Wirtschaftswissenschaftler, Informatiker und Produktionsfachleute, Gewerkschafter und Politiker das künftige Zusammenspiel von Maschinen, Produkten und Menschen. Sie entwerfen Szenarien, in denen Mensch und Maschine „Schulter an Schulter“ arbeiten oder in denen die Fabriken von morgen gar „menschenleer“ sind. Wie realistisch sind diese Szenarien? Und sind sie Segen oder Fluch? Die menschenleere Fabrik ist weder realistisch noch wünschenswert. Wer Industriemessen, Forschungslabore, führende Universitäten oder Pilotanwendungen in Industrieunternehmen besucht, stellt jedoch fest, dass ein neuer Automatisierungsschub bevorsteht. Die atemberaubende Entwicklungsgeschwindigkeit von Digitalisierung und Vernetzung sorgt für einen Innovationssprung in der Robotertechnik: Roboter werden in den nächsten Jahren wesentlich leistungsfähiger und zugleich sicherer.

„Wir haben die Chance, nicht-ergonomische Arbeit abzuschaffen, qualifizierte Arbeit zu verstärken, Fertigungskosten zu senken und trotzdem die Beschäftigung zu sichern.“

In Deutschland arbeiten heute mehr als fünf Millionen Menschen in der Industrie. Volkswagen in Deutschland hat 120.000 Beschäftigte in der Produktion. Wird also die Arbeitslosigkeit wieder steigen – bedingt durch noch mehr Automatisierung? Die Antwort lautet: nein. Was uns in den nächsten 20 Jahren helfen wird, ist eine demografische Besonderheit. Wirtschaftswunder und Babyboom (1955 bis 1975) haben 20 Jahrgänge stark besetzt. Bei Volkswagen ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt: Denn als die Nachfrage nach dem Golf in den 70er-Jahren rasant stieg, stellte Volkswagen überdurchschnittlich viele neue Mitarbeiter ein. Zwischen 2015 und 2030 werden deshalb außergewöhnlich viele Beschäftigte die Unternehmen altersbedingt verlassen – im Volkswagen Konzern etwa 32.000 mehr als im langjährigen Durchschnitt. Deshalb haben wir die Möglichkeit, Menschen durch Roboter zu ersetzen und trotzdem in bisherigem Umfang Nachwuchskräfte einzustellen. Umgekehrt könnten wir diesen Altersabgang auch gar nicht durch junge Mitarbeiter ersetzen. Beschäftigungspolitisch wäre ein Automatisierungsschub also verträglich – aber warum sollen wir ihn begrüßen oder gar vorantreiben? Das liegt vor allem an zwei Gründen: Erstens haben wir ein starkes Interesse an guter, qualifizierter Arbeit für alle. Wir haben bisher alles getan, um Arbeitsplätze am Band so gut wie möglich ergonomisch zu gestalten. Es gibt aber Tätigkeiten, die belastend sind und bleiben. Sieben Stunden lang im Minutentakt eine Nockenwelle mit exakt sechsmal acht Tropfen Öl zu versorgen, erfordert Präzision, Aufmerksamkeit und ist gleichzeitig monoton und anstrengend – kurz: harte Arbeit. Auch Montagearbeiten im Innenraum eines Fahrzeugs, das Einlegen von Teilen oder Überkopfarbeiten gehören zu den Tätigkeiten, denen man nicht nachweinen muss, wenn es bessere Alternativen gibt. Und die gibt es. Wenn wir künftig die Chance haben, ergonomisch ungünstige Arbeit ganz abzuschaffen und sie Robotern zu überlassen, sollten wir dies tun.

„Digitalisierung und Vernetzung werden unsere Ausbildungsberufe verändern, deshalb machen wir unsere Berufsausbildung bereits heute fit dafür.“

Es wird künftig noch mehr qualifizierte Arbeit in der Fabrik geben als heute. Roboter und vernetzte Anlagen müssen programmiert und instandgehalten werden, sie müssen überwacht und umgebaut werden. Die Qualifikation der Facharbeiter, Meister und Ingenieure wird steigen. Neben Mechanik und Elektronik werden dabei IT-Kenntnisse immer wichtiger. Deshalb wird die Aus- und Weiterbildung – neben der Technik – ebenfalls einen großen Schub brauchen. Bereits heute machen wir unsere Berufsausbildung dafür fit. Die Auszubildenden, die ab diesem Jahr bei Volkswagen anfangen, werden neue berufsspezifische Kompetenzen erlernen – zum Beispiel zur Steuerung digitaler Systeme. Und mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) haben wir eine Initiative zur Entwicklung neuer Ausbildungsberufe für die digitale Arbeitswelt ins Leben gerufen. Bei Volkswagen starten wir 2015 außerdem eine breit angelegte Qualifizierungsoffensive. Wir vermitteln unseren Mitarbeitern Grundlagenwissen zur Digitalisierung, das sie in der künftigen Arbeitswelt haben müssen, und darüber hinaus spezifisches Fachwissen in ihren jeweiligen Berufsfamilien. Es sind Themen wie Programmierung und Einsatz vernetzter Applikationen, Online-Diagnosen und Echtzeitanalysen, vernetzte Zusammenarbeit oder der Einsatz von Lernplattformen.

„Wir haben in Deutschland die Chance, unsere Stärken für einen neuen Automatisierungsschub zu nutzen.“

Der zweite Grund, die Automatisierung voranzutreiben, ist unsere Arbeitskostenstruktur. In der deutschen Automobilindustrie liegen die Arbeitskosten bei mehr als 40 Euro pro Stunde, in Osteuropa sind es elf, in China noch unter zehn Euro. Niemand glaubt ernsthaft, dass wir den Wettbewerbsnachteil dieses Hochlohnniveaus nennenswert verringern können. Das wäre aber auch nicht wünschenswert – schließlich sollte sich ein Facharbeiter beispielsweise ein ordentliches Auto leisten können. Wie viel kostet demgegenüber ein Roboter je Stunde? Für die heute bei Volkswagen eingesetzten Roboter kommt man auf drei bis sechs Euro pro Stunde – Kosten etwa für Instandhaltung oder Energiekosten inklusive. Neue Robotergenerationen werden voraussichtlich noch günstiger sein. Diesen Kostenvorteil müssen wir uns zunutze machen. Bei Volkswagen treiben wir deswegen Roboterisierung mit Augenmaß voran, mit Blick auf die Beschäftigten und mit dem Ziel, belastende Arbeit zu reduzieren. Dies ist ein Weg, den auch andere Branchen gehen können. Industrie 4.0 kann so beides sein: Ein Beitrag zur Modernisierung der Volkswirtschaft und zur Verbesserung der Qualität der Arbeit. Die gute Botschaft lautet dabei: Die besondere demografische Situation macht den Wandel auch beschäftigungspolitisch verträglich.

Dr. Horst Neumann, Konzernvorstand Geschäftsbereich
Personal und Organisation