Strategie

Wie
gestalten wir
den Wandel? Essay

Unsere Welt verändert sich in atemberaubendem Tempo. Die Globalisierung, neue Technologien und das Internet sind Motor des Wandels. Die Digitalisierung revolutioniert unser Leben ähnlich einschneidend, wie es die industrielle Revolution vor 200 Jahren getan hat. Computer, Smartphones und Roboter definieren neu, wie wir kommunizieren, einkaufen, unsere Freizeit verbringen, wie unser Alltag im Büro und in der Fabrik aussieht. Und natürlich verändert die Digitalisierung auch die Art und Weise, wie wir mobil sind.

„Die Urbanisierung erfordert neue, intelligente Verkehrskonzepte.”

Für das Auto hat eine neue Ära begonnen: Der gesellschaftliche Wertewandel und die strengen CO2 -Gesetze überall auf der Welt sind Treiber für immer sparsamere Antriebe, für Elektromobilität, Leichtbau und energieeffiziente Fabriken. Die Urbanisierung erfordert neue, intelligente Verkehrskonzepte. Immer höhere Rechenleistung, schnelle Datennetze und günstige Speicher sind die Zutaten, damit Menschen „always on“ sein können. Das Auto wird zum rollenden Computer: Motor- und Fahrwerkssteuerung, Assistenzsysteme, Navigation, Kommunikation, Infotainment und das automatisierte Fahren entwickeln sich rasant.

Aber nicht nur unser Geschäft, auch Volkswagen selbst hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Vergleichen wir unseren Konzern von 2007 mit dem von heute: Die Zahl unserer Marken ist von acht auf zwölf gestiegen. Auch unsere Mannschaft ist rasant gewachsen: Wir beschäftigen heute eine viertel Million Menschen mehr als noch 2007. Unseren Umsatz haben wir nahezu verdoppelt – auf über 200 Mrd. Euro. Das operative Ergebnis haben wir sogar mehr als verdoppelt. Die Zahl unserer Werke ist von 48 auf 118 gestiegen. Und auch die Zahl unserer Modelle haben wir seit 2007 um mehr als 180 gesteigert. Dies alles zeigt: Der Volkswagen Konzern ist in neue Dimensionen vorgestoßen.

Unsere Erfolge sind für mich auch darin begründet, dass wir bereit waren, uns immer wieder selbst zu hinterfragen – und neue Wege zu gehen. Wir haben so gelernt, dass es in unserem Geschäft nicht mehr allein um PS und Drehmoment geht. Dass Nachhaltigkeit, Umweltschutz und gesellschaftliche Verantwortung echte Werttreiber sein können. Und wir haben auch gelernt, den Elektroantrieb zu lieben – nicht nur wegen seiner Effizienz, sondern auch wegen des Fahrspaßes, den er bietet.

Dass die Geschäftsmodelle von heute nicht automatisch für die Welt von morgen taugen, beweist ganz aktuell die Digitalisierung. Die digitale Vernetzung ist dabei, unsere Fahrzeuge, Fabriken und Arbeitsplätze genauso grundlegend zu verändern wie unsere Kundenbeziehungen. Wir sind bereit, diesen Wandel anzugehen. Mehr noch: Unser Anspruch ist es, Motor des Wandels zu sein. Wir gehören seit Langem zu den Vorreitern der Digitalisierung. Jetzt erhöhen wir das Tempo noch einmal: Wir bringen die digitale Welt in unsere Fahrzeuge und vernetzen die bordeigene Sensorik mit unseren Rechenzentren. Die Fahrzeugflotte wird so zum intelligenten Schwarm, auf dessen Basis wir neue Mobilitätsdienste vorantreiben können. Daten in Echtzeit sind auch die Voraussetzung für das teilautomatisierte Fahren und eine intelligente Steuerung des Verkehrs in den Innenstädten oder auf Autobahnen. Auch unsere Fabriken stehen vor dem nächsten großen Automatisierungsschub. Die voll vernetzte Fertigung in einer „Industrie 4.0“ nimmt Gestalt an. Maschinen entlasten unsere Mitarbeiter von monotonen, nicht ergonomischen Tätigkeiten und steigern die Produktivität. Roboter verlassen ihre „Schutzkäfige“ und arbeiten in Zukunft Seite an Seite oder sogar Hand in Hand mit dem Menschen. Im Handel ist das Internet zum wichtigsten Showroom geworden. Jetzt geht es darum, die virtuelle, digitale Erlebniswelt nahtlos mit der realen zu verknüpfen. Der intelligente Umgang mit „Big Data“ macht es zudem möglich, neue Software-Lösungen und Dienstleistungen rund ums Auto zu entwickeln, die unseren Kunden echten Mehrwert bringen und dem Unternehmen zusätzliche Geschäftschancen eröffnen.

„Unser Anspruch ist es, Motor des Wandels zu sein.“

Schöne neue digitale Autowelt!? Sicher, es gilt, weitreichende Fragen zu klären: Wird die Fabrik von morgen menschenleer sein? Ist die Verkehrsinfrastruktur bereit für die digitale Welt? Und wie schützen wir die Kundendaten vor dem Missbrauch? Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst – und wir setzen uns mit all diesen Fragen intensiv auseinander. Gleichzeitig plädiere ich dafür, nicht nur die Risiken, sondern vor allem auch die Chancen der Digitalisierung zu sehen: Für die Menschen wird das Fahren komfortabler und sicherer, gleichzeitig entlasten wir die Umwelt durch optimale Nutzung unserer Ressourcen. Für die Wirtschaft ergeben sich großartige Potenziale für neue Technologien und Geschäftsideen, die Wachstum und Wohlstand bringen können.

„Wir können und müssen die digitale und die mobile Welt zusammenzuführen.“

Neue Trends und Technologien bedeuten letztlich vor allem eines: neue Geschäftschancen. Doch der Wettlauf um die Mobilität der Zukunft ist extrem hart, eine Erfolgsgarantie gibt es für niemanden. Zumal das wirtschaftliche Umfeld für unsere Branche so schwierig ist wie nie. Auch in der Politik sollte daher das Bewusstsein für die Größe der Aufgaben noch ausgeprägter sein. Denn es sind immer auch die politischen Rahmenbedingungen, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Trotz aller Herausforderungen bin ich überzeugt: Wir können und müssen die digitale und die mobile Welt zusammenführen. Deshalb ist die Digitalisierung einer der großen Bausteine unseres konzernweiten Zukunftsprogramms „Future Tracks“, das wir im Frühjahr 2014 auf den Weg gebracht haben.

Auf unserem Weg in die neue digitale Welt der Mobilität dürfen wir eines aber nicht versäumen: Die Menschen – unsere Kunden, Partner und Mitarbeiter – mitzunehmen. Orientierung, Sicherheit und Vertrauen – diese Werte sind und bleiben das Fundament für den technologischen Fortschritt.

Prof. Dr. Martin Winterkorn, Vorsitzender des Vorstands