Wirtschaft

Unsicher­heit ist die neue Normali­tät, der Umgang damit unter­nehme­rische Aufgabe Essay

Geopolitische Unsicherheiten, Wachstumsungleichgewichte und wirtschaftliche Machtverschiebungen: Diese Entwicklungen stehen für die „Neue Normalität“, in der wir uns bewegen. Vermeintliche Gewissheiten erweisen sich als überholt, Unsicherheit wird zum dauerhaften Wegbegleiter. So erleben wir eine Volatilität des Wirtschaftsgeschehens, wie wir sie lange nicht gekannt haben. Wer etwa hätte je gedacht, dass der Ölpreis im Zuge des Fracking-Booms und einer weltweit verhalteneren Nachfrage so drastisch sinken könnte?

„Vermeintliche Gewissheiten erweisen sich als überholt, Unsicherheit wird zum dauerhaften Wegbegleiter.”

Zugleich hat die Globalisierung eine neue Entwicklungsstufe erreicht und ist längst keine Einbahnstraße mehr. Speziell Asien baut einen gigantischen Kapitalstock auf. Neue, auch auf globaler Ebene ernst zu nehmende Wettbewerber entstehen in vielen Branchen, auch bei uns. Die Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft ändern sich. Deshalb ist es wichtig, dass Handelsbarrieren zwischen den Industrieländern weiter abgebaut werden – auch wenn die Popularität des Freihandelsgedankens in letzter Zeit leider deutlich nachgelassen hat. Dabei zeigen gerade die aktuellen Verhandlungen zu TTIP, wie bedeutsam ein Freihandelsabkommen ist, wenn es um die Gestaltung von gemeinsamen Normen, Standards und Vorschriften zur Erleichterung des Handels geht.

Wenn wir über die „Neue Normalität“ sprechen, kommen wir nicht vorbei an den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, die sich um uns herum vollziehen und deren Auswirkungen auf unser Geschäft sich erst andeutungsweise abzeichnen. Die sogenannte Shareconomy hat bereits zahlreiche Bereiche des modernen Lebens verändert – vom Übernachten in fremden Städten bis zum Taxifahren. In der Cloud teilen wir unsere Daten mit Co-Workern, und auch das Automobil ist als geteiltes Gut ins Zentrum diverser Geschäftsmodelle gerückt.

Die disruptive Kraft der Digitalisierung ändert den Orientierungsrahmen vieler Branchen grundlegend: Wer bestimmt die Märkte der Zukunft? Sind die Wettbewerber von morgen noch die gleichen wie heute? Der Industrie steht mit der Digitalisierung ein weiterer Automatisierungsschub bevor, vor allem aber werden neue Geschäftsmodelle entstehen. Dies trifft neben dem Infotainment auch auf Bereiche wie Mobilitätsdienstleistungen oder Aftersales zu. Doch auch ein insgesamt gestiegenes Umweltbewusstsein, das mit strengeren Umweltauflagen einhergeht, führt zu neuen Geschäftsmodellen und neuen Wettbewerbern.

So ist die fortschreitende Entwicklung emissionsarmer Antriebe die zweite große technologische Umwälzung, die unsere Branche unmittelbar betrifft. Die Elektromobilität ist eine wichtige Säule, um die CO2-Ziele für 2020 zu erreichen. Wir wissen aber noch nicht, welche Technologie sich durchsetzen wird. Deshalb gilt es jetzt, den schrittweisen Übergang zu neuen Effizienztechnologien zu gestalten. Angesichts der genannten Unsicherheiten heißt das aber auch: erhöhtes Risiko und enorme Ausgaben in Forschung und Entwicklung sowie in der Produktion.

Vor allem geht es nun darum, unser Denken und Handeln neu zu justieren, um dem technischen und wirtschaftlichen Wandel, dem unser Geschäft ausgesetzt ist, wirkungsvoll und erfolgreich zu begegnen. Das erfordert finanzielle Solidität, Kreativität, Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit, solide Geschäftsmodelle außerhalb der etablierten Märkte, eine weitere Diversifizierung und Regionalisierung des Produktportfolios sowie eine konsequente Lokalisierung der Produktion und des Einkaufs. Denn im Volumengeschäft können wir nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir die Wertschöpfung vor Ort deutlich erhöhen. Angesichts eines Beschaffungsvolumens von jährlich 145,5 Mrd. € sowie der Tatsache, dass ein großer Teil unserer Umsatzerlöse in Fremdwährungen generiert wird, ist ein möglichst hoher Lokalisierungsgrad ein wichtiger Beitrag zur Absicherung gegen Währungsschwankungen.

Wir werden außerdem erheblich in unsere Produkte investieren müssen – für kürzere Produktzyklen und zur Erfüllung regulatorischer Anforderungen. Um diese Mittel zu erwirtschaften, die wir für unseren Weg in die automobile Zukunft benötigen, müssen wir unsere Effizienz permanent steigern. Mit den Modularen Baukästen sind wir darauf bestens vorbereitet. Sie bieten perfekte Voraussetzungen, um wirtschaftliche Effizienz in der Produktion zu garantieren und über die ganze Breite unseres Portfolios schnell auf Veränderungen im Umfeld zu reagieren – seien es Kundenwünsche oder neue CO2-Regulierungen.

„Wer bestimmt die Märkte der Zukunft? Sind die Wettbewerber von morgen noch die gleichen wie heute?“

Wie das Automobil der Zukunft genau aussehen wird, wissen wir noch nicht. Doch als robustes Unternehmen, das finanziell und strategisch gut aufgestellt ist, werden wir innovative Antworten entwickeln. Wenn es um die großen Zukunftsthemen geht, sind wir ein Stück weit aber auch abhängig von regulatorischen, steuerlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – und insofern darauf angewiesen, dass die Politik die Leitplanken klug setzt, unternehmerische Freiräume schafft und bewahrt. Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Regulierungsdichte allerdings zugenommen. Umgekehrt erodiert das Vertrauen in Unternehmen, ja in das gesamte marktwirtschaftliche System. Politik und Wirtschaft sollten deshalb gemeinsam nach einem guten Gleichgewicht zwischen Regulierungsnotwendigkeit und unternehmerischer Freiheit suchen, um ein attraktives, auf Eigenverantwortung und Eigeninitiative basierendes Wirtschaftssystem zu erhalten.

„Die disruptive Kraft der Digitalisierung ändert den Orientierungsrahmen vieler Branchen grundlegend.“

Hans Dieter Pötsch, Konzernvorstand Finanzen und Controlling